Antazida in der Selbstmedikation
"Was ist Ihnen denn auf den Magen geschlagen?"
Einleitung
Die Mehrzahl von Patienten mit Magendarmbeschwerden, wie sie in der Beratungspraxis von Apotheken ständig vorkommen, können befriedigend mit Diäthinweisen, praktischen Tipps zur Umstellung ihrer Lebensweise (Stress, Rauchen, Kaffee) sowie wirksamen, magnesium- und aluminumhaltigen Antazida versorgt werden. Dennoch ist es unumgänglich Patienten eingehender nach ihren Beschwerden zu befragen, umso zwischen banalen Verdauungsbeschwerden einerseits und rasch medizinisch zu behandelnden Erkrankungen andererseits unterscheiden zu können (Differentialdiagnose). Besonderer Schwerpunkt hierbei ist auch und vor allem die Wahrnehmung der seelischen Verfassung der Patienten. Die meisten dyspeptischen Beschwerden sind nämlich als Funktionsstörungen des oberen Verdauungstraktes im psychosomatischen Sinne aufzufassen.
Wann ist ein Arztbesuch notwendig?
Einige Symptome, die Kunden schildern, sollten jedoch grundsätzlich den Verdacht auf ernsthafte organische (somatische) Erkrankungen lenken. Im Wesentlichen handelt es sich um bösartige Krankheiten (v.a. das Magenkarzinom), akute Ulkuskomplikationen (Blutungen, Durchbruch) und akute andere Erkrankungen, die mit scheinbaren Beschwerden des oberen Verdauungstraktes deutlich werden (z. B. Herzinfarkt, akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse u. a.). Bei welchen Krankheitszeichen sollte ein Kunde sofort zu seinem Arzt geschickt werden?
- Intensive Dauerbauchschmerzen, aber auch vom Oberbauch in andere Körperregionen ausstrahlende Schmerzen sind für die häufigen dyspeptischen Verdauungsbeschwerden untypisch.
- Berichten die Betroffenen über das Auftreten von Blut, z. B. beim Erbrechen oder im Stuhlgang, liegt der Verdacht auf ein blutendes Ulkus nahe. Ein sofortiger Arztbesuch wird notwendig; besonders aber wenn der Patient bereits über Beschwerden von Blutarmut klagt (Leistungsabfall, Blässe).
- Liegen Schluckbeschwerden vor muss besonders nach der Unfähigkeit zu schlucken bzw. dem Steckenbleiben von Nahrung sowie dem Erbrechen völlig unverdauter Nahrungsbestandteile gefragt werden. Diese Zeichen weisen, besonders wenn sie schnell aufgetreten sind, auf Einengungen in der Speiseröhre, z. B. durch einen Tumor, hin.
- Der Durchbruch eines Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüres in die offene Bauchhöhle (Ulkusperforation) ist eine akute Notsituation und zeigt sich neben intensiven Schmerzen, Fieber und schwerem Krankheitsgefühl an kräftiger Bauchspannung und Druckempfindlichkeit des gesamten Bauches. Ursache ist eine durch Mageninhalt ausgelöste akut lebensbedrohliche Bauchfellentzündung (Peritonitis). Sofortige Krankenhauseinweisung ist obligatorisch.
- Bei der Schilderung von unerklärlichem Gewichtsverlust sollten immer die Alarmglocken läuten. Dies kann nämlich Symptom einer Krebskrankheit sein, besonders in Kombination mit Appetitverlust und raschem Kräfteverfall. Bei schnell eintretendem Sättigungsgefühl ist an ein Magenkarzinom zu denken. Alle diese Beschwerden können allerdings auch Symptome gut behandelbarer Stoffwechselerkrankungen sein. Auf jeden Fall ist der rasche Besuch eines Arztes anzuraten.
- Da die Antazidaeinnahme die häufigste Maßnahme bei der Selbstbehandlung von Patienten mit Magenbeschwerden ist, kommen immer wieder Kunden, die über eine erfolglose Antazidatherapie ihrer Magenbeschwerden berichten. Vorausgesetzt, dass die Einnahme empfehlungsgemäß durchgeführt worden ist, sollte spätestens nach zwei Wochen erfolgloser Antazidatherapie ein Arzt aufgesucht werden. Von einer weiteren Einnahme ohne genaue Diagnose ist auf jeden Fall abzuraten.
"Wie ein Stein im Magen"
Die deutsche Sprache kennt zahlreiche Beispiele für den Zusammenhang von oberem Verdauungstrakt und seelischer Verfassung: "Etwas ist mir auf den Magen geschlagen", Abneigung kann "einem den Magen umdrehen", ein Problem "liegt wie ein Stein im Magen", aber auch "Liebe geht durch den Magen". Langjährige Untersuchungen von Magenkranken zeigen, dass bei etwa einem Drittel dieser Patienten seelische Ursachen für die Beschwerden verantwortlich sind (fehlende Konfliktlösungsfähigkeit, ungenügende Stressverarbeitung, problematisch überzogene Leistungsanforderung u. a.). Bei etwa einem weiteren Drittel findet sich eine enge Wechselwirkung zwischen dyspeptischen Beschwerden und Psyche (z. B. reagieren viele Ulkuspatienten mit Beschwerdeverschlimmerung schnell und intensiv auf oft nur geringfügigen seelischen Stress). Wichtig: Dyspeptische Funktionsstörungen von Speiseröhre, Magen oder Zwölffingerdarm können durchaus zu klinischen Befunden führen (endoskopisch gesicherte Gastritis, Geschwüre, Säuresekretionsveränderungen, etc.). Hier darf aber nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden: Störungen des Leib-Seele-Zusammenhanges bei psychosomatischen Erkrankungen können sich nach entsprechender Dauer durchaus auch in organischen Veränderungen ausdrücken. Diese sind aber Folge und nicht Ursache der Erkrankung.
Kausale und symptomatische Therapie
Dem oft chronischen Charakter der dyspeptischen Beschwerden entspricht eine Chronifizierung der zu Grunde liegenden psychosomatischen Störung. Dies hat für die Behandlung oft eine mehr oder weniger unbefriedigende Konsequenz: Da auch chronische seelische Störungen behandlungsresistenter als akute sind und die Patienten oft die seelischen Hintergründe ihrer Erkrankung verleugnen, ist die symptomatische Therapie z. B. mit Antazida oder H2-Blockern oftmals die einzig Erfolg versprechende Maßnahme. Obwohl eine ursächliche Behandlung, nämlich die der psychosomatischen Störung, theoretisch möglich wäre, lehnen viele psychosomatisch qualifizierte Ärzte in Deutschland die Behandlung von Magenpatienten ab. Hauptgrund ist die zumeist fehlende Krankheitseinsicht der Patienten sowie ihre oft mangelnde Bereitschaft ihre Lebensweise zu ändern. Da zudem eine gut wirksame und sichere medikamentöse Behandlung der Beschwerden möglich ist, fällt der Leidensdruck dieser Patienten und damit das Bedürfnis nach ursächlicher Heilung fort. Dennoch: Bei der Beratung von Patienten mit dyspeptischen Patienten sollte immer darauf hingewiesen werden, dass ein enger Zusammenhang zwischen seelischer Verfassung und Krankheitsbeschwerden besteht. Und dass alleine durch Änderung der Lebensweise (Stressverringerung, verbesserte Stressbewältigung, Bereitschaft zur Konfliktlösung, Einschränkung überzogener Leistungsansprüche an sich selbst, Verzicht auf Alkoholmissbrauch, Rauchstopp, Änderung der Essgewohnheiten, etc.) oftmals eine deutliche Verbesserung der Beschwerden zu erzielen ist. Dies ist umso wichtiger, je jünger die Patienten sind: Dyspeptische Beschwerden, vor allem aber die Ulkuskrankheit, neigen dazu, über Jahrzehnte hinweg chronisch in Erscheinung zu treten. Lernen diese Patienten schon frühzeitig die Häufigkeit und Schwere ihrer Krankheitsrückfälle zu vermindern, vermindert dies nicht nur die Komplikationsrate (z. B. von Magenblutungen) sondern erhöht auch die Lebensqualität der Betroffenen.
| Beschwerden | Reizmagen, Magenver- stimmung (Dyspepsie) |
Refluxerkran- kung der Speise- röhre (Refluxöso- phagitis) |
Magen- geschwür (Ulkus ventrikuli) |
Zwölffinger- darmgeschwür (Ulkus duodeni) |
Andere Erkrankungen | Anmerkungen |
| Sodbrennen, saures Aufstoßen |
* - ** | *** | * | (*) | Ösophagus- karzinom |
seltenes Sodbrennen nach schwerem Essen und Trinken oder Stress ist durch Ernährungsum- stellung, Hochstellen des Bett-Kopfteiles und evtl. Antazida- gabe zumeist beherrschbar |
| Schluckbe- schwerden bei der Nahrungsauf- nahme |
möglich (eher psychisch bedingt) |
** | - | - | Zahnerkrankungen, Aussackungen der Speiseröhre (Divertikel), Magenkarzinom, Stress ("Globusgefühl" im Hals), auch Krebs der Speiseröhre | Schluckbeschwerden sind Ausdruck eines teilweisen Ver- schlusses des oberen Verdauungstraktes. Sie sollten immer sehr ernst genommen werden |
| Blähungen, Völlegefühl |
*** | ** (oft in Ver- bindung mit häufigem Luftschlucken) |
(*) | (*) | Leber-, Gallen- blasen- und Bauchspeichel- drüsenerkrankungen, Unverträglichkeits- reaktionen (z. B. Milch), "verdorbener Magen" |
Hinter diesen unspezifischen Be- schwerden können sich gelegentlich auch bösartige (maligne) Erkrankungen des Verdauungstraktes verbergen, besonders in Kombination mit raschem Sättigungsgefühl |
| Magenschmerzen, Oberbauch- schmerzen |
* (eher konstant) |
** (Schmerzen beim Essen) |
*** (Verschlech- terung durch Nahrungsauf- nahme, Ver- besserung durch Antazida) |
** (nächtliche Schmerzen, schubweise, durch Essen erleichtert, kehren 2-3 Stunden später aber wieder, Linderung durch Antazida) |
Erkrankungen von Leber, Galle, Pankreas u.v.a.m., Dauerschmerzen bei Magenkarzinom |
Schmerzen treten zumeist im Epigastrium (Bauchregion zwischen Rippenbögen und Bauchnabel) auf, können aber auch ausstrahlen (Verdacht auf Herzinfarkt) |
| Gespannte Bauchdecke, intensive Druckschmerz- haftigkeit |
* (zumeist psychisch bedingt) |
- | bei lebens- gefährlichem Ulkus-Durch- bruch! |
bei lebens- gefährlichem Ulkus-Durch- bruch! |
Magenkarzinom, Bauchfellentzündung, zahlreiche innere Erkrankungen - zumeist entzündlicher Natur (akut), Ileus | Beide Symptome sind Notfallsymptome! Besonders wenn Fieber, Bewusst- seinsstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen und andere Beschwerden hinzutreten. Notärztliche Betreuung dringend empfehlenswert! |
| Appetitverlust | (*) | (*) | (*) | (*) | Innere Erkrankungen, Medikamente, psychische Ursachen (Depression!), Tumorerkrankungen |
Appetitverlust bei Magendarmbe- schwerden, vor allem zusammen mit Gewichtsabnahme, sind ein starkes Warnsignal. |
| Gewichtsverlust | * (immer wieder psychisch bedingt, z. B. bei Magersucht u. a.) |
(*) | ** | ** | bösartige Erkrankungen des Verdauungstraktes und anderer Organe, infektöse Magendarm- erkrankungen, chronische Durchfälle |
Gewichtsverlust ist ein ernstes Symptom, besonders wenn dabei die körperliche Leistungsfähigkeit ebenfalls abnimmt. Wegen der Gefahr bösartiger Er- krankungen ist immer ein Arzt aufzusuchen |
| Übelkeit und Erbrechen |
* (nicht selten psychisch bedingt) |
* (zumeist ohne Übelkeit, Zeichen eines dringend zu behan- delnden Speise- röhrenver- schlusses) |
** (vor allem nach dem Essen. Tritt Erbrechen erst 3-8 Stunden später auf, ist an einen Verschluss des Magenausgangs zu denken) |
* | Schwangerschaft, Medikamente, Systemerkrankungen, ZNS-Schäden, Alkoholmissbrauch, Magenkarzinom, Infektion, Lebensmittelvergiftung, Stress |
siehe auch Blut im Stuhl. Übelkeit und Erbrechen kann bei einer Fülle von Erkrankungen (akut und chronisch auftreten). Wenn nicht eindeutig eine vorübergehende Verdauungs- störung vorliegt, ist immer ein Arztbesuch zu empfehlen |
| Blut im Stuhl, blutiges Erbrechen ("kaffeesatzartig"), Blutarmut |
- | ** | **** | *** | Krampfadern z. B. in der Speiseröhre, Lebererkrankungen |
Blutaustritt ist immer ein wichtiges Warnsignal. Eine sofortige ärztliche Untersuchung ist anzuraten |
| Verdauungs- beschwerden |
** | (*) | * | * | Erkrankungen von Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse, akute und vor allem chronische Darmerkrankungen, Nahrungsmittel- unverträglichkeiten, chronische Fehlernährung |

