Der magenkranke Papst
Pius XII (1876-1958)
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Am 2. März 1939 stieg weißer Rauch auf dem Dom-Platz des St. Peter in der Vatikanstadt auf: "Habemus Papam!", verkündete ein Kardinal, "wir haben einen Papst, den Eminentissimum Eugenio Kardinal Pacelli, der sich den Namen Pius XII. gegeben hat."
Der neue Papst hieß mit bürgerlichem Namen Maria Giuseppe Giovanni Pacelli und wurde am 2.3. 1876 in Rom geboren. Die Familie Pacelli aus Vitebo war schon immer sehr fromm. Und so wurde auch Eugenio (Rufname des Papst Pius XII) in größter Frömmigkeit erzogen. Nach dem Besuch der Elementarschule, die schon mit er schon mit dem 4. Lebensjahr begann, kam Eugenio auf das königliche Visconti-Lyzeum in Rom. Dort machte er 1894 seinen Abschluss mit Auszeichnung. Die Familie Pacelli hatte schon viele Söhne als Juristen ausbilden lassen, damit sie der Heiligen Kirche dienten. Dieser Tradition folgte Eugenio. Nach absolviertem Studium trat der junge Pacelli in das Capranica-Kolleg ein und studierte an der kirchenrechtlichen Fakultät kanonisches Recht.1899 erhielt Pacelli seine Priesterweihe. Der junge Priester verfolgte seine Karriere innerhalb der katholischen Kirche mit großem Ehrgeiz. Zunächst arbeitete er als kirchlicher Sekretär und wurde bald darauf Professor. Er ging in die Diplomatie und übernahm in den 20iger Jahren entsprechende Aufgaben für den Vatikan in Deutschland (Konkordate mit Bayern, Preußen, Baden, 1933 Reichskonkordat). In seiner 12jährigen Zeit in Deutschland lernte er die Ordensschwester Pasqualina kennen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle übernahm. Die Deutsche wurde ihm eine unentbehrliche Hilfe. Und sie begleitete alle Stationen seines Lebens: Vom Nuntius, Kardinalstaatssekretär zum Papst. Sie war an seiner Seite. Er vertraute ihr, und ein Kardinal äußerte sich einmal so über die Ordensfrau: "Was sie in die Hand nimmt, das ist bestens aufgehoben, das ist schon fast gemacht."
Als Pius XII.sein Amt im Jahre 1939 antrat, sah er schwierigen politischen Zeiten entgegen: Pius XII arbeitete hart. Es hieß, dass er regelmäßig 20-Stunden täglich arbeitete. Die ersten fünfzehn Jahre erfreute sich der Papst guter Gesundheit. Trotz des unmenschlichen Arbeitspensums, benötigte er kaum einen Arzt. Er ließ sich auch bei auftretenden Beschwerden nicht behandeln. Pius hielt sich an den Ausspruch des Kardinals La Palma: "Päpste haben das Vorrecht, lediglich an einer einzigen Krankheit zu sterben, nämlich an derjenigen, die zum Tode führt. Solange sie nicht sterben, sind sie gesund." Und wenn den Papst etwas plagte, so hielt ihn, nach Aussagen von enger Vertrauter, eine puritanische Scheu ab, sich vor einem Arzt zu entblößen. Als sich später Erkrankungen aufgrund von Übermüdung und Stress einstellten, bekämpfte er diese mit noch mehr Arbeit - ein Rezept, dass er sich weiterhin selbst verordnete.
Trotz großer Arbeits-Anstrengungen war Pius XII wenig Erfolg in seiner Politik beschieden: Als überzeugter Anti-Kommunist versuchte er Stalin entgegen zu wirken. Den deutschen Nationalsozialisten hingegen war er äußerst zurückhaltend. Trotz beispielsweise der Verfolgung von Katholiken in die Konzentrationslager der deutsche Faschisten, konnte sich Pius zu keiner harten, konsequenten Linie gegen Hitler durchringen. Auch als Mussolini Verbündeter Deutschlands wurde, versuchte Pius sich weiterhin neutral zu verhalten. Seine Kritiker werteten diese Neutralität als feige Zurückhaltung und geheime Billigung des Nationalsozialismus. (Seine politische Haltung während des Krieges, insbesondere bezüglich der NS-Judenverfolgung, wurde seit Rolf Hochhuths Schauspiel "Der Stellvertreter" und John Cornwells Buch "Der Papst, der geschwiegen hat" immer wieder aufgegriffen). Seine Haltung gegenüber der Bombardierung Roms durch die Amerikaner, oder Ermordung von 300 italienischen Geiseln in den Steinbrüchen unweit der Via Appia Antica durch italienische Faschisten brachten ihm immer wieder Schlagzeilen ein und, tauchen seinen Namen ins Zwielicht..
Nachdem Pius XII fünfzehn Jahre lang versucht hatte, in Kriegszeiten dem Amt des Stellvertreter Jesu Christi auf Erden gerecht zu werden, litt er zunehmend unter Erschöpfungszuständen und beständigem Druck in der Magengegend. Zur Körperertüchtigung entwickelte sein Leibarzt Dr. Galeazzi-Lisi ein mechanisches Pferd, auf dem der Papst allmorgentlich "ausritt". 1953 schien er einem Zusammenbruch nahe: Das Oberhaupt der Katholischen Kirche war bis aufs Skelett abgemagert und hatte extreme Schlafprobleme. Zudem befiel ihn ein Schluckauf, der drei Wochen lang nicht aufhörte. Schwester Pasqualina rief einen weiteren Arzt, der ein Magenleiden diagnostizierte. Obwohl der Papst unter dem qualvollen Schluckauf litt, verweigerte er eine Röntgenuntersuchung des Magens. Das Leid des Papstes veranlasste Pasqualina einen Spezialisten aus der Schweiz anzufordern. Dr. Paul Niehans war allerdings kein Gastroenterologe, sondern ein Arzt, der eine sogenannte Frischzellen-Therapie entwickelt hatte. Da der Papst Vertrauen zu ihm gefasst hatte, führte Niehans weitere Untersuchungen durch. Er kam zum Schluss, dass der Schluckauf von einer Gastritis ausgelöst sein mußte und wahrscheinlich ein Blutgerinsel im Magen verursacht hatte.
Niehans begann mit einer Behandlung, die der Papst auch akzeptierte. Neben Massagen erhielt er zur Beruhigung des Magens Antazida. Der Schluckauf verschwand zwar nicht sofort, aber die Pausen wurden länger und Ruheperioden traten ein. Niehans begann dann auch mit seiner umstrittenen Frischzellenkur. Der Papst bekam Placenta-Zellen von Schweinen injiziert. Sechs Wochen später schien die Kur anzuschlagen. Das Kirchenoberhaupt konnte wieder essen und schlafen und nahm auch wieder an Gewicht zu. Trotz geschwächtem Gesundheitszustand, lebte und arbeitete der Papst jedoch in gewohnter Weise weiter. Vier Jahre später erlitt Pius einen Magendurchbruch, der von seinem Leibarzt Dr. Galeazzi-Lisi nicht als solcher erkannt wurde. Wieder war es Schwester Pasqualina, die versuchte, das Leben des Papstes zu retten. Es war jedoch zu spät: Papst Pius XII verstarb am 9.10.1958 an seinem Magenleiden.
[1] Heinz Sponsel: Die Ärzte der Großen, Econ Verlag, Düsseldorf, Wien 1976.
[2] Glaser, Hugo: Dramatische Medizin, Orell Füssli Verlag, Zürich 1959.
[3] Fischer, Kurt Joachim: Niehans, Arzt des Papstes, Wilhelm Andermann Verlag, München 1957.

